Merseburg

28 Sep 2009 08:19 pm
rabensturm: (wirbel)
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Seltsame Hobbys führen einen manchmal an Orte, die man sonst nie besuchen würde. Und manchmal fragt man sich danach „Wieso eigentlich nicht?“ weil man auf ein unverhofftes Schmuckstück gestoßen ist.

Jetzt am Wochenende also Merseburg. Ich war da schon mal – aber das war nur ein kurzer Zwischenstopp und zählt nicht so wirklich. Jetzt also richtig und mit allem, was man an Museen und Führungen so kriegen konnte.



Merseburg ist eine bedeutende Stadt für die Geschichte Mitteldeutschlands – und für Deutschland überhaupt. Bereits 919 wurde Merseburg von König Heinrich I. zur Pfalz ausgebaut. Sein Sohn Otto I. – der spätere deutsche Kaiser – ließ nach den Ereignissen der Schlacht auf dem Lechfeld 955 in Merseburg ein Bistum errichten. Das hatte er bei der Schlacht nämlich gelobt, wenn Gott ihm dafür den Sieg schenken würde. Das Bistum wurde bald wieder aufgelöst und 1004 durch Heinrich II. (einem Urenkel von Heinrich I.) wieder begründet. – Damit ist Merseburg seit über 1000 Jahren Bistum und spielte eine bedeutende Rolle in Handel und Wandel. Es gehörte nämlich auch so ein kleiner Markt namens Leipzig zu seinen Besitzungen… Im 15. Jahrhundert trat Merseburg der Hanse bei. Und gleichfalls im 15. Jahrhundert ließ Bischof Thilo von Trotha die Schlossanlage ausbauen. Aber zu Freund Thilo kommen wir später noch mal.

Besondere historische Bedeutung kommt den berühmten Merseburger Zaubersprüche zu. Die beiden heidnischen Zauberformeln sind die einzigen erhaltenen ihrer Art. Zwar gibt es auch später Heil- und Segenssprüche, aber die haben alle christlichen Bezug. Und bei den Merseburger Zaubersprüchen geht es tatsächlich um Wotan, Baldur und andere germanische Gottheiten. Die Sprüche wurden im 19. Jahrhundert in einer theologischen Handschrift in der Bibliothek des Merseburger Domkapitels entdeckt – und später auch durch die Gebrüder Grimm allgemein bekannt gemacht. Ansehen darf man sich die Sprüche leider nicht – nur als Faksimile im Museum. Oder es fällt uns mal ein angemessen wissenschaftlicher Grund ein, sie im Original ansehen zu dürfen. *g*

Wir waren bei der Stadtführung und haben allerlei Interessantes erfahren. Und wir waren im Dom und im Museum und haben da auch noch Führungen mitgenommen.


Der Dom ist Johannis dem Täufer und dem Heiligen Laurentius geweiht. Sein Grundstein wurde im Jahre 1015 durch Bischof Thietmar von Merseburg gelegt – und natürlich wurde der ursprünglich romanische Bau im Laufe der Jahrhunderte vielfach aus- und umbegaut. Der Hauptteil dürfte heute gotisch sein, teilweise im Stil der Renaissance überformt, mit einer barocken Innenausstattung. Und natürlich kam Merseburg auch nicht an der Reformation und Martin Luther vorbei, der höchstselbst im Dom gepredigt hat. Wir haben uns das Innere des Domes bei einer Führung erklären lassen – und sind dann mit der Turmführung bis in die hinteren Winkel der Türme gestiegen.



Oben zwischen Dachbalken über den Gewölben, weiter hoch zwischen die Glocken – und schließlich ganz nach oben bis auf einen der Türme. Das war sehr interessant und sehenswert. Kann ich nur weiterempfehlen so was. :) Berühmt ist der Merseburger Dom wohl auch für seine Orgel – ich hab, ehrlich gesagt, von dem berühmten Orgelbauer Ladegast noch nie was gehört… Jedenfalls ist es eine schöne Kirche mit einem wunderschöne Kreuzgang und insgesamt durchaus sehenswert.



Merseburg hat aber auch ein Schloss mit schöner Parkanlage über der Saale. Merseburg hat einige schöne alte Häuser und Keller, in einem Haus schon 20 Stück, übereinander und untereinander. Und Merseburg hat direkt am Dom eine Voilere mit einem Pärchen Raben. – Und damit sind wir wieder bei Thilo von Trotha und der Rabensage:

Thilo wurde im Jahre 1466 Bischof von merseburg (später sogar Rektor der Universität Leipzig). Als Zeichen seiner würde besaß Thilo einen prächtigen goldenen Siegelring. Dieser wurde eines Tages aus seinen Gemächern gestohlen – und Thilo ließ wutschnaubend seinen getreuen Diener als Dieb hinrichten. Der arme Kerl beschwor immer wieder seine Unschuld und noch im Tod soll er seine Arme ausgestreckt haben. Der Ring aber tauchte einige Zeit später wieder auf – im Nest eines Raben. Aus Reue über sein vorschnelles Urteil und als Mahnung, nicht im Jähzorn zu richten, ließ Thilo einen Rabenkäfig errichten, um den Übeltäter immer vor Augen zu haben. Und er nahm den Raben mit dem Ring in sein Wappen auf.



Das erzählt zumindest die Sage. Der rabe war wohl schon vorher Bestandteil des Wappens. Den Käfig gibt es aber heute noch – inzwischen mit größerer Voliere und mit einem Rabenpärchen.



Das also zur Geschichte und den Sehenswürdigkeiten – auch wenn es in der Stadt durchaus noch mehr zu sehen gibt. Und damit meine ich nicht Buna und Leuna, die großen Chemiefabriken.

Gerade bei dem goldenen Herbstwetter vom Wochenende ist die Stadt sehr sehenswert. Man kann sie auch gut erlaufen, man könnte auch malerisch an der Saale entlang Rad fahren und noch andere Burgen und Schlösser in der Umgebung besichtigen. Gibt’s da viele von. Wir haben uns auf Merseburg beschränkt. :)


Stimmung:
gelehrt
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