rabensturm: (feder)
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Die Reise neigte sich dem Ende zu, es hieß, Abschied von Tallinn und Estland zu nehmen. Auch das strahlend schöne Wetter hatte sich verabschiedet, so dass unsere Tour übers Land mal mehr, mal weniger durch Regen führte.

Auf dem Weg nach Süden haben wir zunächst am Hexenbrunnen von Tuhala Halt gemacht.



Das sieht auf dem Foto ziemlich unspektakulär aus. Der Brunnen befindet sich aber in einer Karstlandschaft, die mit ihrem löchrigen Untergrund und Höhlen viele spannende Dinge mit Wasser macht. Flüsse verschwinden und tauchen wieder auf, es gibt Wasserlöcher scheinbar ohne Zu- und Abfluss. Auch der Brunnen kann Wasserspektakel bieten: zu Zeiten von Frühlingshochwasser, wenn der nahe Fluss hoch genug steigt und damit der Grundwasserspiegel, läuft der Brunnen sprudelnd über. Das passiert alle paar Jahre, hier mal ein Bild bei Wikipedia: „Klick mich“

Für den Weg nach Lettland hatten wir überlegt, in Estland noch die ein oder andere Stadt anzugucken – oder doch lieber in Lettland noch was anzugucken. Alles gleichzeitig ging natürlich nicht, der Regen in Estland hat dann aber auch nicht zu längerem Aufenthalt eingeladen. Also wieder nach Lettland, diesmal nicht an der Küste entlang. Wir sind nach Cesis gefahren, einem hübschen Städtchen am Rande des Gaujas-Nationalparks und damit nicht weit von Sigulda entfernt. In Cesis gab es noch eine Burg, die wir noch anschauen wollten.



Cesis, zu Deutsch Wenden, ist eine Gründung des deutschen Schwertbrüderordens, auch wenn es vorher wohl schon hölzerne Befestigungen der Lettgallen gab. Die Burg Wenden war vom 13. bis ins 16. Jahrhundert Wohnsitz des Meisters des Deutschen Orden und damit ein Hauptsitz der Schwertbrüder. In der Kirche von Cesis kann man noch Grabplatten der Ordensmeister sehen. 1577 wurde die Burg von Iwan, dem Schrecklichen, angegriffen – die Verteidiger sprengten sich mitsamt der Burg in die Luft, weil sie keinen Ausweg mehr sahen. Die Burg wurde wieder aufgebaut, 1721 im Großen Nordischen Krieg aber endgültig zerstört.

Man kann noch eine Menge von der Burg sehen, das ist durchaus eine hübsche Ruine. Das Beste ist jedoch, dass man für die Erkundung eine Laterne nehmen kann und mit flackerndem Kerzenlicht durch die Gänge und Räume schreiten kann. Geht auch nicht ohne Laterne, weil es drinnen kein anderes Licht gibt.



Das ist spaßig und abenteuerlich – Touristenerheiterung mit wenig Aufwand. ;) Wir haben tatsächlich im Treppenhaus auch „Ich geh mit meiner Laterne“ gesungen. *g*

Hinter der Burg Ruine befindet sich ein hübscher Garten, in dem Pflanzen eines mittelalterlichen Burggartens angebaut wurden. Alles sehr hübsch mit zeitlich passendem Werkzeug und Gerät. Dort saß ein netter Herr in Gewandung, der Flöte spielte. Er konnte ein bisschen Deutsch und ein bisschen Englisch und hat uns begeistert den Garten gezeigt. Als dann der nächste Wolkenbruch niederging, hat er uns unter sein Schutzdach gebeten und Tee und Gurkenwasser (?) angeboten.



Und dann passierte, was irgendwann mal passieren musste: wir wurden aufgefordert, ein deutsches Lied zu singen. Die Letten (auch die Litauer und Esten) sind ja ein Volk mit großer Sangestradition. Es ist für sie schwer nachvollziehbar, dass das Singen deutscher Lieder bei uns keinen großen Stellenwert hat und eher uncool ist. Wir illustrierten das gleich sehr anschaulich, da wir bei den guten alten Volksliedern immer nach zwei, drei Zeilen nicht mehr textsicher waren. Auch Pionierlieder sind mir nur bruchstückhaft eingefallen, und für Weihnachtslieder war es die falsche Jahreszeit. Silph hat dann ein walisisches Lied gesungen, was sie in ihrem Sprachkurs gelernt hat – ich hab mich mit einer Strophe vom Vuuglbeerbaam gerettet. ;) Und natürlich sind uns dann auf der Weiterfahrt im Auto noch andere Dinge eingefallen, die man hätte singen können. Nichtsdestotrotz war das eine charmante Unterhaltung.

Wir haben uns dann noch das Neue Schloß von Cesis angeschaut. Direkt neben der Burg befindet sich das Anwesen der deutsch-baltischen Adelsfamilie von Sievers, das sie im 18. Jahrhundert ihren Bedürfnissen errichteten.



Im Untergeschoss findet sich ein kleines Museum, oben sind noch einige Räume historisch eingerichtet.



Das ist doch mal ein psychedelisches Tapetenmuster. *g* Es gab in den Innenräumen auch allerlei zur Militärgeschichte, was uns allerdings nicht soo sehr interessierte. Immerhin haben wir gelernt, dass Cesis ein wichtiger patriotischer Ort ist, weil hier die lettische Fahne ihren Ursprung hat. Der Legende nach wurde hier einst der lettische König Visvaldis im Kampf gegen fremde Eindringlinge verwundet. Als er sich auf die weiße Flagge der Kapitulation legte und starb, färbte sein Blut die Fahne rechts und links seines Körpers in tiefem Rot. Da, wo der Körper des Königs lag, blieb das Banner weiß. Seit dem 13. Jahrhundert ist das rot-weiß-rote Banner schriftlich bezeugt. Nach 1870 wurde es zur lettischen Nationalflagge.

Von Cesis haben wir uns noch die Kirche angesehen (Ordensmeistergrabplatten) und das historische Stadtzentrum mit dem Freiheitsdenkmal. Dann ging es aber schon weiter zu unserer Unterkunft, die diesmal abseits der Zivilisation lag. Abgelegen von asphaltierten Straßen jedenfalls, was bei Wolkenbruch nicht so wirklich vertrauenserweckend schien. Mit ein bisschen Umweg konnten wir die Schotterpiste zumindest abkürzen und unser Quartier in Karlamuiza beziehen. Ein wirklich hübsches Haus in hübscher grüner Gegend.



Im Quartier hatten wir Abendessen dazugebucht – das war praktisch, so mussten wir nirgends mehr hin. Es war auch lecker mit 3 Gängen (Salat mit Roter Bete und Ziegenkäse, Truthahn als Hauptgericht und Melonensüppchen mit Eis und Walderdbeeren zum Dessert). Dann noch ein Spaziergang, das reichte als Abendprogramm.

Stimmung:
auf dem Rückweg

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