Alter jüdischer Friedhof Dresden
20 Oct 2020 09:24 pmWie der Eliasfriedhof ist auch der Alte Jüdische Friedhof in Dresden ein Kulturdenkmal, das nicht mehr für Bestattungen genutzt wird. Man kann also nur mit einer Führung rein. So hab ich das am Sonntag gemacht, das war sehr kurzweilig und interessant. Sehr empfehlenswert mit all den spannenden und tragischen und auch herzzerreißenden Geschichten.
Der Alte Jüdische Friedhof befindet sich in der Neustadt zwischen Priesnitzstraße und Pulsnitzer Straße (ehemals Juden-Gasse). Es ist ein sehr kleiner Friedhof, ziemlich voll, und trotz des doch recht maroden Zustands liebevoll gepflegt und gründlich erforscht.

1869 wurde der Friedhof geschlossen, die letzte Bestattung fand aber noch im Jahr 1900 statt (weil die einmal vergebenen und bezahlten Grabstätten noch belegt werden durften).
Die Geschichte des Friedhofes war eine sehr wechselvolle. Er entstand unter August dem Starken (bzw. dem Grafen von Brühl), als sich erstmals seit dem Mittelalter wieder Juden in Sachsen ansiedeln durften. Erst mal nur siedeln, das hieß nicht, dass sie auch ihre Toten bestatten durften. Die mussten – obwohl ein Jude ja innerhalb von 24 Stunden zu bestatten ist – erst mühsam übers Erzgebirge nach Böhmen gebracht werden. So war ein eigener Friedhof von großem Interesse, auch wenn die Bestattungen dort schließlich auch mit vielen Restriktionen, bürokratischen Mühen und Gebühren verbunden waren.
Es befinden sich über 1.000 Gräber auf dem Friedhof, von denen noch etwa 800 einen Grabstein haben. Viele Steine sind aber in schlechtem Zustand, durch das Alter, die Verschmutzungen und auch den Efeu, der viel Sandstein abgeknabbert hat. Das ist natürlich schade, optisch sind efeuumrankte Gräber ja immer sehr malerisch. Dass der Friedhof aber in seiner Gesamtheit noch so existiert, ist schon fast ein Wunder. Er wurde den Juden für immerwährende Zeit überschrieben, konnte daher nach Schließung nicht einfach plattgemacht werden. Er hat die Nazizeit überstanden, auch wenn er in den 40iger Jahren noch an die Stadt verkauft wurde (es gibt sogar noch die eisernen Grabgitter, weil es teurer war, sie abzumontieren, als was sie an Schrottwert gebracht hätten). Und er hat die DDR-Zeit überstanden, fast vergessen hinter seinen Mauern. Seit den 90iger Jahren wird er nun wieder gepflegt und erforscht und als Denkmal geschützt.

Den Grabsteinen ist der Geschmack der Zeit anzusehen – darin ähneln sie auch denen auf dem Eliasfriedhof. Dazu kommt natürlich die jüdische Symbolik. Die Gräber sind Richtung Osten, nach jerusalem gewandt und tragen hebräische Beschriftung. Auf der Rückseite findet sich die Beschriftung dann noch einmal in deutscher Sprache. Besonders bemerkenswert dabei: es gibt keine Schreibfehler in der Hebräischen Schrift. Das ist bemerkenswert, weil die Steinmetze ja kein Hebräisch konnten (Juden durften ja kein Handwerk ausüben, also waren die Steinmetze Deutsche); so dass wohl jeder Stein von einem Rabbi Korrektur gelesen wurde und bei Fehlern zurückging.

Daneben schmückten weitere jüdische Symbole die Grabsteine, Davidsterne, Kronen, Kannen als Zeichen der Leviten, Hirsche als Zeichen des Stammes Naftali, sowie Zahlen- und Buchstabenmystik. Sehr spannend und sehr schade, dass schon so viel verwittert ist.
Es gibt auch ein paar Berühmtheiten auf dem Friedhof – die allerdings nur noch bedingt bekannt sind. Wilhelm Wolfsohn war der eine, der mir in Erinnerung geblieben ist, ein Übersetzer und Schriftsteller und Freund Fontanes. Der andere ist Jeremias David Alexander Fiorino, dessen herzzerreißende Geschichte wir am Ende hörten. Sein Grab und das seines geliebten Hannchens haben wir auch gesehen.
Fiorino stammte aus Kassel, wo er aufgrund der napoleonischen Neuerungen ein Handwerk lernen durfte. Er wurde Maler, ein bekannter Miniaturen- und Porzellanmaler. Er bekam ein Stipendium für Dresden, wo er bei einer wohlhabenden Familie wohnte und sich in deren 14jährige Tochter Johanna verliebte. Bevor er nach Venedig weiterzog, fragte er sein Hannchen, ob sie auf ihn warten wolle und das wollte sie natürlich. Als sie 18 war, war es dann so weit – aber vor einer Hochzeit stand plötzlich die deutsche Bürokratie. Fiorino war kein Dresdner, also sagte die Stadt Dresden, er dürfe hier nicht heiraten. Man wollte ihn aber auch nicht als Dresdner aufnehmen, obwohl er ausgezeichnete Empfehlungen hatte und ein gesichertes Einkommen. Zwei Jahre stritten sie hin und her, dann ging er mit seinem Hannchen nach Böhmen und heiratete dort heimlich. Das Glück währte jedoch nur kurz, Hannchen starb nur Monate nach der Hochzeit an den Masern. Fiorino war ein gebrochener Mann… und dann kam wieder die Stadt Dresden mit ihren Anträgen und Genehmigungen. Die brauchte er nun nicht mehr – worauf die Stadt Dresden eine Rechnung aufmachte mit all der Arbeit, die sie mit ihm gehabt hatten und Gebühren verlangten. Sie stritten wieder Jahre hin und her, und am Ende musste er es dann doch bezahlen, wenn ich mich recht erinnere. Alt ist auch Fiorino nicht geworden, seine Kunstwerke gingen vor allem nach Kassel, wo sie ein Neffe sammelte.
Stimmung:
historisch
Der Alte Jüdische Friedhof befindet sich in der Neustadt zwischen Priesnitzstraße und Pulsnitzer Straße (ehemals Juden-Gasse). Es ist ein sehr kleiner Friedhof, ziemlich voll, und trotz des doch recht maroden Zustands liebevoll gepflegt und gründlich erforscht.

1869 wurde der Friedhof geschlossen, die letzte Bestattung fand aber noch im Jahr 1900 statt (weil die einmal vergebenen und bezahlten Grabstätten noch belegt werden durften).
Die Geschichte des Friedhofes war eine sehr wechselvolle. Er entstand unter August dem Starken (bzw. dem Grafen von Brühl), als sich erstmals seit dem Mittelalter wieder Juden in Sachsen ansiedeln durften. Erst mal nur siedeln, das hieß nicht, dass sie auch ihre Toten bestatten durften. Die mussten – obwohl ein Jude ja innerhalb von 24 Stunden zu bestatten ist – erst mühsam übers Erzgebirge nach Böhmen gebracht werden. So war ein eigener Friedhof von großem Interesse, auch wenn die Bestattungen dort schließlich auch mit vielen Restriktionen, bürokratischen Mühen und Gebühren verbunden waren.
Es befinden sich über 1.000 Gräber auf dem Friedhof, von denen noch etwa 800 einen Grabstein haben. Viele Steine sind aber in schlechtem Zustand, durch das Alter, die Verschmutzungen und auch den Efeu, der viel Sandstein abgeknabbert hat. Das ist natürlich schade, optisch sind efeuumrankte Gräber ja immer sehr malerisch. Dass der Friedhof aber in seiner Gesamtheit noch so existiert, ist schon fast ein Wunder. Er wurde den Juden für immerwährende Zeit überschrieben, konnte daher nach Schließung nicht einfach plattgemacht werden. Er hat die Nazizeit überstanden, auch wenn er in den 40iger Jahren noch an die Stadt verkauft wurde (es gibt sogar noch die eisernen Grabgitter, weil es teurer war, sie abzumontieren, als was sie an Schrottwert gebracht hätten). Und er hat die DDR-Zeit überstanden, fast vergessen hinter seinen Mauern. Seit den 90iger Jahren wird er nun wieder gepflegt und erforscht und als Denkmal geschützt.

Den Grabsteinen ist der Geschmack der Zeit anzusehen – darin ähneln sie auch denen auf dem Eliasfriedhof. Dazu kommt natürlich die jüdische Symbolik. Die Gräber sind Richtung Osten, nach jerusalem gewandt und tragen hebräische Beschriftung. Auf der Rückseite findet sich die Beschriftung dann noch einmal in deutscher Sprache. Besonders bemerkenswert dabei: es gibt keine Schreibfehler in der Hebräischen Schrift. Das ist bemerkenswert, weil die Steinmetze ja kein Hebräisch konnten (Juden durften ja kein Handwerk ausüben, also waren die Steinmetze Deutsche); so dass wohl jeder Stein von einem Rabbi Korrektur gelesen wurde und bei Fehlern zurückging.

Daneben schmückten weitere jüdische Symbole die Grabsteine, Davidsterne, Kronen, Kannen als Zeichen der Leviten, Hirsche als Zeichen des Stammes Naftali, sowie Zahlen- und Buchstabenmystik. Sehr spannend und sehr schade, dass schon so viel verwittert ist.
Es gibt auch ein paar Berühmtheiten auf dem Friedhof – die allerdings nur noch bedingt bekannt sind. Wilhelm Wolfsohn war der eine, der mir in Erinnerung geblieben ist, ein Übersetzer und Schriftsteller und Freund Fontanes. Der andere ist Jeremias David Alexander Fiorino, dessen herzzerreißende Geschichte wir am Ende hörten. Sein Grab und das seines geliebten Hannchens haben wir auch gesehen.
Fiorino stammte aus Kassel, wo er aufgrund der napoleonischen Neuerungen ein Handwerk lernen durfte. Er wurde Maler, ein bekannter Miniaturen- und Porzellanmaler. Er bekam ein Stipendium für Dresden, wo er bei einer wohlhabenden Familie wohnte und sich in deren 14jährige Tochter Johanna verliebte. Bevor er nach Venedig weiterzog, fragte er sein Hannchen, ob sie auf ihn warten wolle und das wollte sie natürlich. Als sie 18 war, war es dann so weit – aber vor einer Hochzeit stand plötzlich die deutsche Bürokratie. Fiorino war kein Dresdner, also sagte die Stadt Dresden, er dürfe hier nicht heiraten. Man wollte ihn aber auch nicht als Dresdner aufnehmen, obwohl er ausgezeichnete Empfehlungen hatte und ein gesichertes Einkommen. Zwei Jahre stritten sie hin und her, dann ging er mit seinem Hannchen nach Böhmen und heiratete dort heimlich. Das Glück währte jedoch nur kurz, Hannchen starb nur Monate nach der Hochzeit an den Masern. Fiorino war ein gebrochener Mann… und dann kam wieder die Stadt Dresden mit ihren Anträgen und Genehmigungen. Die brauchte er nun nicht mehr – worauf die Stadt Dresden eine Rechnung aufmachte mit all der Arbeit, die sie mit ihm gehabt hatten und Gebühren verlangten. Sie stritten wieder Jahre hin und her, und am Ende musste er es dann doch bezahlen, wenn ich mich recht erinnere. Alt ist auch Fiorino nicht geworden, seine Kunstwerke gingen vor allem nach Kassel, wo sie ein Neffe sammelte.
Stimmung:
historisch