rabensturm: (drei)
[personal profile] rabensturm
Etwa zur Zeit des Dombaus zu Speyer – um genau zu sein im Jahr 1084 - rief Bischof Rüdiger Huzmanns Juden in die Stadt Speyer, um Handel und Ansehen der Stadt zu vermehren. Oder in seinen eigenen Worten: "Als ich das Dorf Speyer zur Stadt machte, glaubte ich das Ansehen dieses unseres Ortes zu vertausendfachen, indem ich auch Juden dort zuziehe. Ich habe die Zugezogenen außerhalb der Wohnstätten der übrigen Bürger angesiedelt, und damit sie nicht so leicht von der Unverschämtheit des minderen Volks beunruhigt werden, habe ich sie mit einer Mauer umgeben."

Die Juden wurden mit zahlreichen Privilegien ausgestattet und so konnte sich eine reiche jüdische Gesellschaft bilden, die mit Worms und Mainz zusammen die jüdische Gemeinschaft von SCHUM bildeten. Das Wort SchUM setzt sich dabei aus den Anfangsbuchstaben der Städte zusammen, aus den mittelalterlichen, auf das Latein zurückgehenden hebräischen Namen: Schin (Sch) für Schpira (Speyer), Waw (U) für Warmaisa (Worms) und Mem (M) für Magenza (Mainz). Die jüdische Gemeinde existierte trotz zwischenzeitlicher Anfeindungen und Übergriffe bis ins Jahr 1500 und verschwand dann nahezu spurlos in den Weiten der Geschichte. Bis dahin brachte die Gemeinde die berühmten „Weisen von Speyer“ hervor, weltweit anerkannte jüdische Gelehrte und Lehrer.

Natürlich gab es in einer solchen Gemeinde auch eine Synagoge. Ein Bauwerk, das gleichzeitig mit dem Dom entstand. Heute gibt es nur noch ein paar Mauern, ein paar Grabsteine. Das kleine Museum vermittelt aber sehr anschaulich, wie das Bauwerk einmal ausgesehen haben mag.



Vollständig erhalten – und wirklich beeindruckend – ist hingegen die Mikwe, das jüdische Ritualbad. Es dient, wie der Name schon sagt, der rituellen Reinigung. Es muss dabei „lebendiges Wasser“ enthalten, indem der Gläubige völlig untertauchen kann.

In Speyer bedeutete das, dass bis etwa 10 Meter unter Straßenniveau gegraben wurde und ein Badebecken im Grundwasser angelegt wurde. Der Zugang erfolgt über ein steinernes Treppenhaus, das bauliche Verwandtschaft zum Dom aufweist. – Es ist also davon auszugehen, dass die selben Handwerker, die den großen christlichen Dom errichtet haben, auch für die jüdischen Gemeinde bauten.



Die Mikwe ist gut erhalten (und wieder restauriert). Sie war lange vergessen, wurde teilweise als Lager und sogar Waffen/Pulverlager genutzt – aber eben nicht zerstört.

Das Wasser ist durchaus faszinierend, auch wenn ich mir die Tauchrituale nicht wirklich vorstellen kann. Nackend diese Treppe hinabzusteigen und in 8 Grad kaltes Wasser zu tauchen… huah… ;)

Stimmung:
historisch

Date: 22 Nov 2012 08:32 pm (UTC)
From: [identity profile] nordlichtsegler.livejournal.com
"Die jüdische Gemeinde existierte trotz zwischenzeitlicher Anfeindungen und Übergriffe bis ins Jahr 1500 und verschwand dann nahezu spurlos in den Weiten der Geschichte.", trifft es leider nicht so ganz. Ich hatte noch im Kopf, dass die Vertreibung/Verfolgung der Juden in Speyer besonders tragisch war und habe mal nachgelesen:

Die Stadt Speyer übernahm 1330 gegen Zahlung von 300 Pfund Heller die Juden in ihren Schutz, einer Verpflichtung, der sie ebenso wenig wie der Bischof zuvor nachkam, obwohl die Juden diesen Schutz teuer durch Steuern erkaufen mussten. In den reichsweiten Pogromen zur Zeit der Schwarzen Pest wurde die Speyerer Judengemeinde am 22. Januar 1349 völlig ausgelöscht. Angesichts der Bedrohungen verbrannten sich viele in ihren Häusern; andere konvertierten oder flohen nach Heidelberg. Ihr Eigentum und der Friedhof wurden konfisziert. Der Stadtrat, der die Juden hätte schützen sollen, tat dies leider nicht und ließ die Bevölkerung in ihrem Hass gewähren. Schlimm wurde es, als Kaiser Karl IV., als er sich im Frühjahr 1349 in Speyer aufhielt, eine opportunistische Entscheidung zugunsten der Stadt traf und sie von jeglicher Schuld frei sprach.
Anschließend kam es nach vielen Verfolgungen, Anfeindungen und Vertreibungen und Wiederansiedlungen (Juden zahlten gute Steuern für ihr Wohnrecht) 1472 zum Selbstmord vieler Juden, damit sie Zwangstaufe entgehen. Und ab 1500 gab es dann tatsächlich erst einmal keine jüdische Gemeinde mehr in Speyer.

Jüdische Gemeinden gab es dann erst wieder von 1621 - 1688 und mit Beginn der französischen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts bis zu den Progromen und Deportationen 1940 und dann erst seit 1996 wieder und seit dem 9. November 2011 gibt es sogar wieder eine Synagoge in Speyer.

Date: 22 Nov 2012 08:40 pm (UTC)
From: [identity profile] rabensturm.livejournal.com
Ah, danke für die Ergänzung. Ich hatte das Jahr 1500 im Kopf und auch die Pestprogrome, aber nicht die konkrete Abfolge der Ereignisse. Ich erinnere mich aber auch an eine Geschichte aus der Synagoge Speyer, wo nach Zerstörung tatsächlich Speyerer Bürger von der Obrigkeit verpflichtet wurden, das Gebäude wieder aufzubauen und das natürlich auch zu bezahlen. Das ist ja immerhin schon mal eine außergewöhnliche Entscheidung für die jüdische Bevölkerung.

Date: 22 Nov 2012 09:05 pm (UTC)
From: [identity profile] nordlichtsegler.livejournal.com
Das stimmt. Wäre interessant, wann das war- erinnerst Du Dich daran auch noch? Dann könnte man das einer entsprechenden Zeit und seinem Herrscher zuordnen.

Date: 22 Nov 2012 09:20 pm (UTC)
From: [identity profile] rabensturm.livejournal.com
Leider weiß ich das nicht mehr. Es hatte mit einer Umbauphase der Synagoge zu tun, entweder mit dem Aufstocken oder mit dem Anbau der Frauenschul. Aber im Detail weiß ich das nicht mehr *kopfkratz* Silph vielleicht? Ansonsten kannst du ja mal nach Speyer fahren und dir Synagoge und Mikwe angucken, wenn du mal Zeit und Lust hast ;) Lohnt sich. :)

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