9 Jul 2012

rabensturm: (feder)
Wir sind mit der Fähre wieder in Tingwall angekommen. Es war schon nach 18 Uhr – aber das wunderbar klare Sonnenwetter musste man doch noch nutzen. Also haben wir schon mal mit den Sehenswürdigkeiten West-Mainlands angefangen, die auch ohne Öffnungszeiten und Eintritt zu besichtigen sind. Hinzu kommt noch der unschlagbare Vorteil, dass man so einen ganzen großen Steinkreis für sich alleine hat.



Der Ring of Brodgar. Das ist für mich der schönste Steinkreis den ich kenne – zumal noch bei diesem wunderbar klaren Licht. Die Steine von Stonehenge mögen wuchtiger und kompakter wirken, trotzdem hat Stonehenge nicht diesen Eindruck auf mich gemacht. Um genau zu sein, empfand ich Stonehenge wie eine Theaterkulisse aus Pappmaschee. Einfach nicht echt. Vielleicht, weil man schon so viele Bilder gesehen hat – vielleicht auch nur, weil man an die Steine von Stonehenge nicht rankann.

Beim Ring of Brodgar kann man ran. Man kann den Kreis ablaufen und auch die Steine berühren. Es wird lediglich darum gebeten, nicht durch die Heide im Zentrum des Kreises zu latschen, was ja auch verständlich ist. Sonst wäre da wohl nicht mehr lange Heide.



Der Ring hat laut Wikipedia einen Durchmesser von 104 m und ist damit ist er größer als Stonehenge. Von den ursprünglich etwa 60 Steinen sind noch 27 erhalten. Er ist wahrscheinlich 2.700 v. Chr. entstanden, dicht neben anderen prähistorischen Monumenten, die heute das Heart of Neolithic Orkney bilden.

Der Ring liegt malerisch zwischen dem See Loch Stenness und dem Loch Harray, einem Meeresarm. Der Ring ist also wassergesäumt auf einer schmalen Landzunge. Im Hintergrund die Berge von Hoy, der Nachbarinsel, über uns nur der klare Himmel und hier – 5000 Jahre Menschheitsgeschichte. Das ist sehr beeindruckend und wirklich wunderschön.

Nur ein paar Meter vom Ring of Brodgar entfernt, befindet sich der Comet Stone, der sicherlich in einem rituellen/spirituellen Zusammenhang stand. Aber auch der Steinkreis von Stennes mit seinem monumentalen Watch Stone befinden sich in unmittelbarer Nähe.



Auch die Stennes Stones sind ein Steinkreis, da allerdings von den ursprünglich 12 Steinen nur noch 4 stehen, ist das nicht mehr so offensichtlich. Dafür wirkt er… dynamischer, weil er von jeder Seite einen neuen Blickwinkel bietet. Sehr hübsch mit den Schäfchen. ;)

Die Stennes Stones werden etwa au das Jahr 3100 vor Chr. datiert, sind damit noch mal fast 500 Jahre älter als der Ring of Brodgar. Mehr noch, sie zählen zu den ältesten Steinkreisen überhaupt, die in Britannien zu finden sind. Die Steine sind über 5 m hoch, was einmal mehr die Frage nach der Errichtung aufwirft. Die schöne Theorie mit den Hölzern, die als Rollen untergelegt werden, hilft auf den Orkneys jedenfalls nicht weiter. Schon vor 5000 Jahren war die Insel so gut wie baumlos…

1814 versuchte ein Bauer, die Steine zu zerstören, da ihn die Touristen nervten, die ständig über seine Felder trampelten und alles kaputtmachten. Er stürzte den Odin-Stein, der sich in der Nähe befand und vielleicht auch noch mehr. Gut, dass die Steine heute noch stehen. Und Überraschungen gibt es immer noch – es ist noch nicht so lange her, dass hinter den Steinen noch die Grundmauern eines weiteren Settlements ausgegraben wurden.



Die Barnhouse genannten Strukturen lassen deutlich den damaligen Lebensraum erahnen und bieten geradezu großzügigen Wohnraum.

Und dann ist da noch der Watch Stone:



Quasi gleich gegenüber von den Stennes Stones, nur auf der anderen Straßenseite. Der Stein ist bestimmt 6 m hoch und ebenfalls sehr beeindruckend. Am kürzesten Tag des Jahres soll man von hier aus sehen, wie die Sonne genau zwischen den beiden Hügeln von Hoy untergeht. Vergleichbare solare oder lunare Bezüge konnten bei den beiden Steinkreisen übrigens bisher nicht gefunden werden.

Und dann noch ein Cairn:



Es handelt sich dabei um eine Mischform von Kammergrabstrukturen – aber zu solchen Feinheiten sind unsere Kenntnisse nicht vorgedrungen. Wir kriechen nur rein und gucken uns um. ;) Archäologisch ist das Grab aber dadurch sehr wertvoll, auch durch die zahlreichen Funde, die sogar einer bestimmten Keramikart ihren Namen gab. Außerdem bemerkenswert, dass man von hier aus sowohl den Ring of Brodgar als auch Maes Howe sehen kann. Wirklich ein Platz im steinzeitlichen Herzen Orkneys.


Stimmung:
historisch
rabensturm: (feder)
Wir haben den letzten Tag schon mit dem steinzeitlichen Herzen Orkneys beendet – und so haben wir auch wieder angefangen. Mit den Sehenswürdigkeiten, wo man Eintritt bezahlen und Öffnungszeiten beachten muss. Eintritt kostete es uns zumindest nicht, weil wir ja unseren Historic Scotland Pass haben und in die Sehensürdigkeiten so reinkamen. :)

Es ging los mit Skara Brae:



Skara Brae ist die am besten erhaltene eisenzeitliche Siedlung in Europa. Sie wird in die Zeit zwischen 3.100 und 2.500 v. Chr. datiert und wurde nach ihrer Aufgabe von Dünen vergraben. Bis 1850 ruhte die Siedlung so unter Sand, bis sie durch einen mächtigen Sturm wieder freigelegt und dann ausgegraben wurde. Heute kann man die acht Häuser sehen, mitsamt der aus Stein erhaltenen Einrichtung. Die Archäologen haben viele Funde gemacht und wissen nun mehr über das Leben der Menschen, wie sie und wovon sie lebten. Seit 1999 ist die Anlage Weltkulturerbe. Sehr spannend anzusehen, nicht zuletzt auch durch das schön gestaltete Museum, wo man viele Dinge anfassen und ausprobieren kann.

Gleich nebenan befindet sich das Herrenhaus Skaill House, das teilweise aus dem 17. Jahrhundert stammt und in dem die letzte Laird-Witwe bis zu ihrem Tode 1991 wohnte.



Sie hat nach dem Tod ihres Mannes nicht viel verändert, so dass alles einen herrlich antiquierten Charme verströmt, der einen in die Zeit von Miss Marple zurückführt. Sehr charmant mit Tigerfell und Bibliothek und Trick-Schrank und rosigem Badezimmer… Sollte man sich unbedingt angucken, wenn man sowieso in Skara Brae ist.



Dann ging es in den Norden von Mainland, wo ein weiterer Broch auf uns wartete. Über winzige Sträßchen ging es an eine Bucht mit wunderbarem Ausblick auf die Nachbarinsel Rousay, die Meerenge und die ganze Inselwelt.



Und natürlich der Broch of Gurness. Wieder ein eisenzeitlicher Turmbau, der jedoch bis in die Piktenzeit genutzt wurde. Das besondere hier ist das Dorf, das sich rings um den Turm schmiegt. Enge Mauern, enge Straßen, geradezu modern anmutend in der Besiedelungsdichte. Besonders beeindruckend die „Hauptstraße“, der Hauptweg durch die Häuser zum Haupttor. Leider lässt sich das auf den Fotos nicht so beeindruckend einfangen.



Es gab sogar auch Nischen für Wächter und Wachhunde am Tor, was die Anlage zwar noch nicht zur Burg macht, aber schon Anklänge erahnen lässt.

Für die Archäologen ist besonders das sogenannte Kleeblatt-Haus spannend, das drei Kammern zu einer Art Kleeblatt vereinigt. Kammern ist aber zu viel gesagt, das ganze sind so enge Stuben, dass man sich kaum einen brauchbaren Verwendungszweck vorstellen kann. Da es jüngeren Datums ist, lag es über oder in der restlichen Anlage – wurde also kurzerhand abgebaut und nebenan wieder aufgebaut. :)

Der Broch liegt quasi gegenüber von Midhowe auf Rousay und zeigte noch einmal, wie lange und dicht die Gegend hier schon besiedelt ist und dass es Kontakt untereinander gegeben haben muss. Für uns ist Gurness ein Geheimtipp, uns hat diese Anlage sehr gut gefallen.

Nicht weit davon, etwas westlicher findet sich noch ein weiterer Broch. Der von Birsay. Der ist nicht so hoch wie Midhowe, nicht so in ein Dorf eingebunden wie Gurness – aber die Lage macht ihn spektakulär. Der Broch von Birsay befindet sich auf einer Insel, die nur bei Flut von Mainland getrennt ist, bei Ebbe kann man trockenen Fußes hinüberlaufen.



Der Broch war wie gesagt nicht der spannendste, den wir gesehen haben – aber die Lage und diese Insel! Toll! Und besonders, da wir so schönes Wetter hatten, dass sogar für ein bisschen Sonnenbrand auf der Nase gereicht hat.



Auch die Küste ist an der Stelle sehr schön und spektakulär. Es gibt steile Klippen und tiefe Einschnitte, in denen Seevögel nisten. Und vor 5 Jahren, als wir da schon mal waren, da stürmte es und wehte uns beinahe von den Klippen. *g*

Von Birsay aus ging es dann nach Maes Howe, das ich jetzt schon einige Male erwähnt habe. Maes Howe ist DAS Hügelgrab. Das groß touristisch ausgebaute, das durch seine wechselvolle Geschichte große Bedeutung für die Archäologie und Regionalgeschichte hat.



Man vermutet eine Entstehungszeit von 3.200 – 2.900 vor Chr. also ungefähr die Zeit, in der auch die großen Steinkreise entstanden sind. Die Wände bestehen aus sorgfältig geschichteten Trockensteinmauern und tonnenschweren Eck- und Deckensteinen. Also, ursprünglich mal Deckensteinen… Da waren diese Wikinger, die auf Raubzug von einem Schneesturm überrascht wurden und sich von der Decke her Zutritt verschafften. Dazu gleich mehr. Was die Decke angeht, die war kaputt, wurde später in romantischen viktorianischen Zeiten wieder aufgebaut. So dilettantisch, dass es reinregnete und die jahrtausende alte Bausubstanz ruinierte. Auch später half nur eine tonnenschwere Betonhaube, um das Grab wieder abzudichten. Das brachte die Statik durcheinander, brachte Risse – und erst in jüngster Zeit hat sich das Bauwerk wieder gesetzt, dass es als stabil angesehen wird. Fazit der Führerin: die Steinzeitmenschen waren bessere Architekten. ;)

Aber zurück zu den Wikingern. Das war etwa 1135, im Winter, wie die Orkneyinga saga berichtet, als sie in den Grabhügel einbrachen. Sie suchten einerseits Schutz – aber auch Schätze. Ob es wirklich gab… was immer in dem Grab war, sie haben es ausgeräumt, eingeheimst und/oder weggeworfen. Und dann saßen sie Tage und Wochen im Grab fest – und langweilten sich. Sie wussten nun nicht besseres mit sich anzufangen, als Graffitis in die Wände zu ritzen. Runen über Runen, die größte bisher an einer Stelle gefundene Runensammlung. Und was schreibt man so, wenn man im Schneesturm mit einer Herde kampfeswilder Wikinger eingesperrt ist? Graffiti, wie man das auch heute noch findet: „Ich bin der größte Runenschnitzer. – Ingigerth ist die Schönste. – Nur Hakon hat etwas vom Schatz abbekommen“. *g* Es gibt aber auch drei Tierzeichnungen in den Steinen, bei denen man noch trefflich über die Bedeutung streiten kann. Drache, Hund, Otter, Walross, Schnabeltier.

Aber das sind immer noch nicht alle Besonderheiten von Maes Howe – da ist nämlich noch die Wintersonnenwende. Dann trifft nämlich zu Sonnenuntergang das Licht genau durch die niedrige Passage und erleuchtet den Innenraum. Das muss ein wirklich magischer Anblick sein, den man heutzutage (wenn das Wetter mitspielt) auch per webcam mit verfolgen kann. Es ist anzunehmen, dass das ganze spirituelle Bedeutung hat – aber was genau? Man weiß es nicht. Vielleicht war es auch nur, wie die Führerin sagte, ein besonders schickes modisches Design oder doch ein Zwergeinhornstall.

Zurück am Tageslicht haben wir noch einen kurzen Abstecher nach Süden gemacht zu Earls Bu und der Rundkirche von Ophir.



Das hat auch noch für einen netten Spaziergang an der Küste entlang gereicht, bevor wir in einem netten Inn an der Straße gut gegessen haben. Und das war dann auch schon fast der Abschied von den Orkneys, da uns die Fähre am nächsten Morgen wieder aufs schottische Festland zurückbringen sollte. Mit ein bisschen Wehmut, das muss ich zugeben, die Orkneys sind so schön…


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