19 Nov 2012

rabensturm: (drei)
Wir haben in Würzburg gehört, dass der Kiliansdom der viertgrößte romanische Dom der Welt ist nach Speyer, Worms und Mainz. Nur über die Reihenfolge waren wir uns da nicht so ganz im Klaren. Aber doch, Speyer ist (nach der Zerstörung der Abtei Cluny) tatsächlich das größte erhaltene romanische Bauwerk. Er wurde von den salischen Kaisern errichtet, diente als deren Grabstätte und war lange Ort von Wallfahrt und Verehrung. Der Dom wurde aber auch mehrfach zerstört und wieder aufgebaut – und das tatsächlich so zurückhaltend, dass der Dom trotz moderner Elemente immer noch erfreulich schlicht und romanisch wirkt. Wenn man ein Gebäude dieser Größe überhaupt schlicht nennen kann!





Mit dem Dombau wurde im Jahr 1027 begonnen und sein Gründer, Kaiser Konrad II. erlebte die Fertigstellung nicht mehr. Beeindruckend die riesige helle Säulenhalle und die Höhe von Basilika und Vierungsturm. Ob nun rein romanisch oder neo- oder sonstwie – das zu beurteilen bin ich nicht in der Lage. Beeindruckend ist die Halle aber auf jeden Fall.

Mindestens genau so beeindruckend die riesige Krypta, die sich unter der Querhaus und Chor befindet (gut, dass wir in Merseburg erst was über romanische Bauprinzipien gelernt haben).



Die im Jahr 1041 geweihte Krypta ist mit einer überbauten Fläche von 850 m² und einer Höhe von 7 m die größte romanische Säulenhalle Europas. Die 42 Kreuzgratgewölbe ruhen auf Säulen mit einfachen Würfelkapitellen. Die abwechselnd gemauerten gelben und roten Sandsteinquader sind typisch für die Zeit der Salier und der Staufer.

Fotos können die Raumwirkung natürlich nicht so wiedergeben (und schon mal gar nicht das schöne Licht zwischen den Säulen). Man verliert das Gefühl für Größe zwischen den Säulen, da es immer weitergeht und noch eine Ecke und noch einen Raum verbirgt. Es gibt Altäre in der Krypta mit modernen Kruzifixen – und es gibt natürlich die Grablege der Salischen Kaiser. Die ist in der heutigen Form allerdings nicht original, da sie erst in späteren Zeiten an einer Stelle zusammengeführt wurden. Es finden sich hier die Gräber von 8 deutschen Kaisern bzw. Königen, teils mit Gemahlin, und zwar:

· Konrad II. († 1039) und seine Gemahlin Gisela von Schwaben († 1043)
· Heinrich III. († 1056), Sohn Konrads II.
· Heinrich IV. († 1106), Sohn Heinrichs III., und seine Gemahlin Bertha von Savoyen († 1087)
· Heinrich V. († 1125), Sohn Heinrichs IV.
· Beatrix von Burgund († 1184), zweite Gemahlin Friedrichs Barbarossa, und ihre Tochter Agnes († 1184)
· Philipp von Schwaben († 1208), Sohn Friedrich Barbarossas
· Rudolf von Habsburg († 1291)
· Adolf von Nassau († 1298)
· Albrecht von Österreich († 1308), Sohn Rudolfs von Habsburg

Man darf die romanische Grablege mit ihren Steinsärgen jetzt freilich nicht mit güldenen ägyptischen Sarkophagen vergleichen – aber es ist doch große deutsche Geschichte hier, die man quasi hautnah erleben kann. Das ist schon spannend und durchaus auch beeindruckend. :)

Wir haben uns aber wieder an die Oberfläche begeben, den Dom noch ein bisschen bewundert und auch von außen betrachtet. Und wir haben uns natürlich auch den Rest von Speyer angeschaut, der noch so in Laufweite war. – In Speyer ist quasi alles in Laufweite und wer das nicht möchte, kann das ausgezeichnete Bussystem nutzen, mit Bussen in 10-Minuten-Takt das funktionierte nur nicht, als wir mit Reisegepäck zurück zum Auto wollten.

Speyer ist sehr viel weniger mittelalterlich, als ich erwartet hatte. Es ist eine offene Stadt, mit breiter Fußgängerzone, an der Cafés und Restaurants zum draußen sitzen einladen. Französisches oder gar mediterranes Flair, aber die Franzosen sind wohl auch nicht ganz unschuldig daran, da die großen Zerstörungen und Wiederaufbauarbeiten auf den pfälzischen Erbfolgekriegen beruhen und nicht zuletzt auch durch Napoleon verursacht wurden. Der Eindruck ist jedenfalls ein einladender und man kann sich gut einige Tage in der Stadt aufhalten und wohlfühlen.

Wir haben direkt in der Innenstadt am Altpörtel gewohnt, in den netten Cafés gegessen und auch die anderen Bereiche der Altstadt abgelaufen. So sind wir bis zum Magdalenenkloster gekommen, in dem die erst 1998 heiliggesprochene Edith Stein wirkte (die übrigens auch einen Altar im Dom hat). Auch haben wir die beiden gut 100 Jahre alten Kirchen besucht: Die Gedächtniskirche und die Josephskirche:



Die Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts errichtete evangelische Gedächtniskirche (links) erinnert an die Speyerer Protestation im Jahr 1529. Die katholische Josephskirche (rechts) steht unmittelbar daneben und wurde als Reaktion auf den Bau der Gedächtniskirche errichtet und 1914 eingeweiht.

Und dann gibt es in der Stadt auch noch alte jüdische Spuren, von denen ich aber extra erzählen möchte. :)


Stimmung:
historisch
rabensturm: (wirbel)
Für Michaela noch ein Bild von einem schönen, modernen Kirchenfenster:



Aus dem Wormser Dom :)

Stimmung:
farbenfroh
rabensturm: (drei)
Etwa zur Zeit des Dombaus zu Speyer – um genau zu sein im Jahr 1084 - rief Bischof Rüdiger Huzmanns Juden in die Stadt Speyer, um Handel und Ansehen der Stadt zu vermehren. Oder in seinen eigenen Worten: "Als ich das Dorf Speyer zur Stadt machte, glaubte ich das Ansehen dieses unseres Ortes zu vertausendfachen, indem ich auch Juden dort zuziehe. Ich habe die Zugezogenen außerhalb der Wohnstätten der übrigen Bürger angesiedelt, und damit sie nicht so leicht von der Unverschämtheit des minderen Volks beunruhigt werden, habe ich sie mit einer Mauer umgeben."

Die Juden wurden mit zahlreichen Privilegien ausgestattet und so konnte sich eine reiche jüdische Gesellschaft bilden, die mit Worms und Mainz zusammen die jüdische Gemeinschaft von SCHUM bildeten. Das Wort SchUM setzt sich dabei aus den Anfangsbuchstaben der Städte zusammen, aus den mittelalterlichen, auf das Latein zurückgehenden hebräischen Namen: Schin (Sch) für Schpira (Speyer), Waw (U) für Warmaisa (Worms) und Mem (M) für Magenza (Mainz). Die jüdische Gemeinde existierte trotz zwischenzeitlicher Anfeindungen und Übergriffe bis ins Jahr 1500 und verschwand dann nahezu spurlos in den Weiten der Geschichte. Bis dahin brachte die Gemeinde die berühmten „Weisen von Speyer“ hervor, weltweit anerkannte jüdische Gelehrte und Lehrer.

Natürlich gab es in einer solchen Gemeinde auch eine Synagoge. Ein Bauwerk, das gleichzeitig mit dem Dom entstand. Heute gibt es nur noch ein paar Mauern, ein paar Grabsteine. Das kleine Museum vermittelt aber sehr anschaulich, wie das Bauwerk einmal ausgesehen haben mag.



Vollständig erhalten – und wirklich beeindruckend – ist hingegen die Mikwe, das jüdische Ritualbad. Es dient, wie der Name schon sagt, der rituellen Reinigung. Es muss dabei „lebendiges Wasser“ enthalten, indem der Gläubige völlig untertauchen kann.

In Speyer bedeutete das, dass bis etwa 10 Meter unter Straßenniveau gegraben wurde und ein Badebecken im Grundwasser angelegt wurde. Der Zugang erfolgt über ein steinernes Treppenhaus, das bauliche Verwandtschaft zum Dom aufweist. – Es ist also davon auszugehen, dass die selben Handwerker, die den großen christlichen Dom errichtet haben, auch für die jüdischen Gemeinde bauten.



Die Mikwe ist gut erhalten (und wieder restauriert). Sie war lange vergessen, wurde teilweise als Lager und sogar Waffen/Pulverlager genutzt – aber eben nicht zerstört.

Das Wasser ist durchaus faszinierend, auch wenn ich mir die Tauchrituale nicht wirklich vorstellen kann. Nackend diese Treppe hinabzusteigen und in 8 Grad kaltes Wasser zu tauchen… huah… ;)

Stimmung:
historisch

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