Die Schamanin von Dürrenberg
6 May 2026 05:07 pmMerseburg ist in Reichweite von Halle, wo sich im Landesmuseum für Vorgeschichte die berühmte Himmelsscheibe von Nebra befindet. Da waren wir 2022 schon mal und hatten eine so tolle Museumsführung, dass sie neue Maßstäbe setzte. Die Führung nannte sich „Museum für Ausgeschlafene“, sonntags 10.30 Uhr – und die gibt es immer noch. Aktuell aber zur neuen Sonderausstellung, über die Schamanin von Dürrenberg.

Wir haben die Dame schon das letzte Mal gesehen, schon damals galt sie als besonderer Fund, als Schamanin, die mit reichem Grabschmuck bestattet wurde und die durch körperliche Besonderheiten auffiel. Inzwischen hat die Forschung eine Vielzahl neue Erkenntnisse gewonnen, die die Dame noch viel spektakulärer machen. In der Führung wird ausführlich darauf eingegangen und die Funde in zeitlichen Kontext gesetzt, die Ausstellung geht zudem (eher ethnologisch) auf Schamanismus ein und zeigt Bezüge auf. Ich hab jetzt auch noch das Sachbuch „Das Rätsel der Schamanin“ gelesen, das viele Sachen weiter ausführt – aber auch schon nicht mehr auf dem aktuellsten Stand der Forschung zu sein scheint.
Erst mal handelt es sich um einen archäologischen Fund. In den 30iger Jahren wurde im Rahmen von Baumaßnahmen in Bad Dürrenberg eine Begräbnisstätte gefunden. Da man eine Wasserleitung verlegen wollte, grub man das Skelett recht hastig aus und erklärte es in der Nazizeit zum Beweis, dass die Arier bereits in der Mittelsteinzeit in Germanien gelebt haben. :p Es war schnell klar, dass es tatsächlich das Skelett einer Frau ist, aber trotz der besonderen Grabbeigaben verschwand sie für Jahrzehnte eher unbeachtet im Museum. Erst nach der Wende, und so richtig in den 2000er Jahren kam Schwung in die Sache. Das Skelett wurde von einer vermuteten Heilerin zu einer vermuteten Schamanin. Und dann wurde in Bad Dürrenberg der Kurpark renoviert und man konnte die Ausgrabungsstätte von 1934 noch einmal ausgraben.

Man hat dort noch viele Funde gemacht – und zudem ist auch die Archäologie inzwischen weiter als 1934, nicht nur was ideologische Interpretationen angeht. Man hat jetzt Genanalysen zur Verfügung und eine Vielzahl anderer moderner Möglichkeiten.
Spektakulär sind die Grabbeigaben. Es gibt nicht viele mesolithischen Gräber in Mitteleuropa und nur wenige überhaupt mit Grabbeigaben. Hier sind es zahlreiche Beigaben von großer Vielfalt, Tierfragmente, Steinwerkzeuge, Schmuck. Zudem wurde die Dame – und mit ihr ein wenige Monate alter Säugling – sitzend in einer Grube bestattet, die mit einer Art Flechtwerk ausgekleidet war. Verputzte Wände in der Erde – als die Sesshaftigkeit und damit dauerhafte Häuser noch gar nicht in Mitteleuropa angekommen war. Die Dame hat zwei aufgefeilte Schneidezähne (irx) und eine anatomische Anomalie an der Wirbelsäule, die ihr – vermutlich – ermöglichte, mit einer Kopfbewegung die Blutzufuhr zum Gehirn zu unterbrechen. Damit konnte sie ohnmächtig werden und/oder unkontrollierte Augenbewegungen auslösen… all das spricht für die Deutung als Schamanin.
Was eigentlich Schamanismus ist, wird in der Ausstellung weniger strittig dargestellt als im Buch. Die Vorstellung von sibirischen Schamanen ist zum einen von russischen/sowjetischen Kolonialbestrebungen überlagert, so wie von westlichem New Age Spiritismusglauben. Es gibt wenig echte Quellen und vermutlich gar keine objektiven. Und doch scheint das Prinzip des Schamanismus vertraut, Mittlerer zur Geisterwelt, die sich mit Tiergeistern verbünden und in Trance andere Welten erfahren. Männer und Frauen, die Heilkräfte haben, Flüche aussprechen und bannen. Die zu Trommeln tanzen und Geweihe auf den Köpfen tragen… oder eben nicht, weil das nur unsere Vorstellung ist.

Ich interessiere mich ja auch für ethnologische Ausstellungen, ich fand also die gezeigten Kostüme sehr spannend. Auch die Beispiele von – vielleicht – rituellen Gegenständen und Statuen. Ob man daraus freilich menschliches Verhalten und kulturelle Traditionen von vor 9000 Jahren ablesen kann… das behauptet auch die Ausstellung nicht. ;)
Vor 9000 Jahren. Das ist die Zeit der Schamanin. Das ist die Zeit, als die großen kalten Steppen der Eiszeit zurückgegangen waren (Altsteinzeit vorbei), die Ackerbaukulturen (Jungsteinzeit) aber noch nicht bis Mitteleuropa vorgedrungen waren, da fehlten noch über 1000 Jahre. Die Lebensbedingungen waren sehr freundlich, Temperaturen etwas über unserem, das Nahrungsangebot reichhaltig und abwechslungsreich. Die Menschen zogen in kleinen Gruppen als Jäger, Sammler und Fischer in wald- und wasserreicher Umgebung umher. Es scheint, dass die Schamanin in dieser Zeit eine verehrte Person war, die von verschiedenen Gruppen versorgt und schließlich auch bestattet wurde. Und nicht zu vergessen, mit ihr wurde ein Kind bestattet, das laut Genanalyse ein entfernt mit ihr verwandter Junge war. Das ist beeindruckend und spannend – geradezu mysteriös ist, dass man im Grab noch Wirbelknochen zweier weiterer Kinder gefunden hat, die sich als Geschwister des Säuglings herausstellten. Eins davon ein Zwilling des Säuglings, der ein oder ein paar Jahre älter geworden ist, als sein Zwillingsbruder. Wie kommen die wohl zusammen in ein Grab? Gleichzeitig ja nicht.
Und das, was ich am allerkrassesten finde: nur einen Meter vom Grab der Schamanin wurden bearbeitete Rentiergeweih(masken) niedergelegt – um die 600 Jahre nach der Bestattung der Dame. 600 Jahre, die man sich an sie und ihre Grabstätte erinnert hat.
Also, alles sehr beeindruckend. Ich fand die Ausstellung gut gemacht – auch die Führung war sehr gut bis auf die eine seltsame Dame mit komischen Kommentaren, aber irgendjemand komisches ist ja immer dabei. Ich fand es auch gut, dass unsere Führung im Raum mit der Landschaft der Mittelsteinzeit begonnen hat, dass man den größeren Kontext hatte, bevor es zur Schamanin ging.
Wir haben nach der Führung erst mal eine Pause gemacht und draußen was gegessen – das Angebot des Museumscafés sah nicht viel einladender aus als 2022. Aber draußen haben wir in einem hippen Studentencafé eine leckere Stärkung bekommen und konnten uns dann mit neuen Kräften wieder ins Museum stürzen. Denn natürlich wollten wir uns den Rest auch noch anschauen, nicht zuletzt einen Blick auf die Sternenscheibe werfen.

Natürlich ist die Sternenscheibe beeindruckend. Sie wird in einem dunklen Raum ausgestellt, in dem der Nachthimmel über die Decke wandert. Aber auch der Rest des Museums ist sehenswert. Neu waren für uns die lustigen Filmchen, die es an verschiedenen Stellen gab. Darunter eine neue Präsentation zur Kreisgrabenanlage Pömmelte. – Auch das übrigens eine Empfehlung für Sachsen-Anhalt: die Himmelswege, die prähistorische Schmuckstücke zeigen: Nebra, Halle (das Landesmuseum mit der Himmelsscheibe), das Sonnenobservatorium Goseck, die Kreisgrabenanlage von Pömmelte und die Dolmengöttin von Langeneichstätt (Original im Landesmuseum, Nachbildung vor Ort). Haben wir alles schon mal angeguckt. *g*
Also, ein sehr lohnender Museumsbesuch wieder. Und wer weiß, was es bei der Schamanin in Zukunft noch an Geheimnissen und Erkenntnissen gibt.
Und ich lese als nächstes das Buch über die Himmelsscheibe.
Stimmung:
nerdy

Wir haben die Dame schon das letzte Mal gesehen, schon damals galt sie als besonderer Fund, als Schamanin, die mit reichem Grabschmuck bestattet wurde und die durch körperliche Besonderheiten auffiel. Inzwischen hat die Forschung eine Vielzahl neue Erkenntnisse gewonnen, die die Dame noch viel spektakulärer machen. In der Führung wird ausführlich darauf eingegangen und die Funde in zeitlichen Kontext gesetzt, die Ausstellung geht zudem (eher ethnologisch) auf Schamanismus ein und zeigt Bezüge auf. Ich hab jetzt auch noch das Sachbuch „Das Rätsel der Schamanin“ gelesen, das viele Sachen weiter ausführt – aber auch schon nicht mehr auf dem aktuellsten Stand der Forschung zu sein scheint.
Erst mal handelt es sich um einen archäologischen Fund. In den 30iger Jahren wurde im Rahmen von Baumaßnahmen in Bad Dürrenberg eine Begräbnisstätte gefunden. Da man eine Wasserleitung verlegen wollte, grub man das Skelett recht hastig aus und erklärte es in der Nazizeit zum Beweis, dass die Arier bereits in der Mittelsteinzeit in Germanien gelebt haben. :p Es war schnell klar, dass es tatsächlich das Skelett einer Frau ist, aber trotz der besonderen Grabbeigaben verschwand sie für Jahrzehnte eher unbeachtet im Museum. Erst nach der Wende, und so richtig in den 2000er Jahren kam Schwung in die Sache. Das Skelett wurde von einer vermuteten Heilerin zu einer vermuteten Schamanin. Und dann wurde in Bad Dürrenberg der Kurpark renoviert und man konnte die Ausgrabungsstätte von 1934 noch einmal ausgraben.

Man hat dort noch viele Funde gemacht – und zudem ist auch die Archäologie inzwischen weiter als 1934, nicht nur was ideologische Interpretationen angeht. Man hat jetzt Genanalysen zur Verfügung und eine Vielzahl anderer moderner Möglichkeiten.
Spektakulär sind die Grabbeigaben. Es gibt nicht viele mesolithischen Gräber in Mitteleuropa und nur wenige überhaupt mit Grabbeigaben. Hier sind es zahlreiche Beigaben von großer Vielfalt, Tierfragmente, Steinwerkzeuge, Schmuck. Zudem wurde die Dame – und mit ihr ein wenige Monate alter Säugling – sitzend in einer Grube bestattet, die mit einer Art Flechtwerk ausgekleidet war. Verputzte Wände in der Erde – als die Sesshaftigkeit und damit dauerhafte Häuser noch gar nicht in Mitteleuropa angekommen war. Die Dame hat zwei aufgefeilte Schneidezähne (irx) und eine anatomische Anomalie an der Wirbelsäule, die ihr – vermutlich – ermöglichte, mit einer Kopfbewegung die Blutzufuhr zum Gehirn zu unterbrechen. Damit konnte sie ohnmächtig werden und/oder unkontrollierte Augenbewegungen auslösen… all das spricht für die Deutung als Schamanin.
Was eigentlich Schamanismus ist, wird in der Ausstellung weniger strittig dargestellt als im Buch. Die Vorstellung von sibirischen Schamanen ist zum einen von russischen/sowjetischen Kolonialbestrebungen überlagert, so wie von westlichem New Age Spiritismusglauben. Es gibt wenig echte Quellen und vermutlich gar keine objektiven. Und doch scheint das Prinzip des Schamanismus vertraut, Mittlerer zur Geisterwelt, die sich mit Tiergeistern verbünden und in Trance andere Welten erfahren. Männer und Frauen, die Heilkräfte haben, Flüche aussprechen und bannen. Die zu Trommeln tanzen und Geweihe auf den Köpfen tragen… oder eben nicht, weil das nur unsere Vorstellung ist.

Ich interessiere mich ja auch für ethnologische Ausstellungen, ich fand also die gezeigten Kostüme sehr spannend. Auch die Beispiele von – vielleicht – rituellen Gegenständen und Statuen. Ob man daraus freilich menschliches Verhalten und kulturelle Traditionen von vor 9000 Jahren ablesen kann… das behauptet auch die Ausstellung nicht. ;)
Vor 9000 Jahren. Das ist die Zeit der Schamanin. Das ist die Zeit, als die großen kalten Steppen der Eiszeit zurückgegangen waren (Altsteinzeit vorbei), die Ackerbaukulturen (Jungsteinzeit) aber noch nicht bis Mitteleuropa vorgedrungen waren, da fehlten noch über 1000 Jahre. Die Lebensbedingungen waren sehr freundlich, Temperaturen etwas über unserem, das Nahrungsangebot reichhaltig und abwechslungsreich. Die Menschen zogen in kleinen Gruppen als Jäger, Sammler und Fischer in wald- und wasserreicher Umgebung umher. Es scheint, dass die Schamanin in dieser Zeit eine verehrte Person war, die von verschiedenen Gruppen versorgt und schließlich auch bestattet wurde. Und nicht zu vergessen, mit ihr wurde ein Kind bestattet, das laut Genanalyse ein entfernt mit ihr verwandter Junge war. Das ist beeindruckend und spannend – geradezu mysteriös ist, dass man im Grab noch Wirbelknochen zweier weiterer Kinder gefunden hat, die sich als Geschwister des Säuglings herausstellten. Eins davon ein Zwilling des Säuglings, der ein oder ein paar Jahre älter geworden ist, als sein Zwillingsbruder. Wie kommen die wohl zusammen in ein Grab? Gleichzeitig ja nicht.
Und das, was ich am allerkrassesten finde: nur einen Meter vom Grab der Schamanin wurden bearbeitete Rentiergeweih(masken) niedergelegt – um die 600 Jahre nach der Bestattung der Dame. 600 Jahre, die man sich an sie und ihre Grabstätte erinnert hat.
Also, alles sehr beeindruckend. Ich fand die Ausstellung gut gemacht – auch die Führung war sehr gut
Wir haben nach der Führung erst mal eine Pause gemacht und draußen was gegessen – das Angebot des Museumscafés sah nicht viel einladender aus als 2022. Aber draußen haben wir in einem hippen Studentencafé eine leckere Stärkung bekommen und konnten uns dann mit neuen Kräften wieder ins Museum stürzen. Denn natürlich wollten wir uns den Rest auch noch anschauen, nicht zuletzt einen Blick auf die Sternenscheibe werfen.

Natürlich ist die Sternenscheibe beeindruckend. Sie wird in einem dunklen Raum ausgestellt, in dem der Nachthimmel über die Decke wandert. Aber auch der Rest des Museums ist sehenswert. Neu waren für uns die lustigen Filmchen, die es an verschiedenen Stellen gab. Darunter eine neue Präsentation zur Kreisgrabenanlage Pömmelte. – Auch das übrigens eine Empfehlung für Sachsen-Anhalt: die Himmelswege, die prähistorische Schmuckstücke zeigen: Nebra, Halle (das Landesmuseum mit der Himmelsscheibe), das Sonnenobservatorium Goseck, die Kreisgrabenanlage von Pömmelte und die Dolmengöttin von Langeneichstätt (Original im Landesmuseum, Nachbildung vor Ort). Haben wir alles schon mal angeguckt. *g*
Also, ein sehr lohnender Museumsbesuch wieder. Und wer weiß, was es bei der Schamanin in Zukunft noch an Geheimnissen und Erkenntnissen gibt.
Und ich lese als nächstes das Buch über die Himmelsscheibe.
Stimmung:
nerdy